
250 Gramm Mehl, 1-2 Eier, 100g Zucker, 125 Gramm Butter oder Margerine,
500 Gramm Mohn, ein halber Liter Milch und Wasser, 70 Gramm Hartweizengrieß
Mischt man diese Zutaten zusammen und bäckt sie in liebevoller Weise, dann wird daraus ein Kuchen, den viele von uns kennen und schätzen. Ob in schlesischer, mährischer oder böhmischer Variante. Sie erahnen es vielleicht schon. Ein Mohnkuchen.
Die KI sagt zu diesem Mohnkuchen: Ein Mährischer Mohnkuchen zeichnet sich traditionell durch einen fluffigen Hefeteigboden, eine dicke, saftige Schicht aus gekochtem Grieß-Mohn-Pudding und eine Decke aus knusprigen Butterstreuseln aus.
Der Mohnkuchen ist ein einfacher Blechkuchen, keine Torte oder popöser Dessert und doch ist er weit mehr als das. Durch ihn wurde und wird über Jahrzehnte Heimat weitergegeben.
Meine Großeltern väterlicherseits sind Heimatvertriebene aus der Gegend um Mährisch-Schönberg. Aus Stipanau und Heimerlstal. Und meine Oma hat mit großer Hingabe genau diesen Mohnkuchen immer wieder gebacken. Ich war in meiner Kindheit viel bei meinen Großeltern – der Geruch des alten Gasbackofens und auch des Mohnkuchens sind mir bis heute tief im Gedächtnis.
Jeder von uns kennt solche Rezepte, in denen nicht nur Kalorien sondern Geschichten, Erlebnisse und Gefühle den Ort wechseln und ausgetauscht werden. Ich selbst war noch nie in der „alten Heimat“ – bisher nur aus Bildern und den Erzählungen rekonstruiert. Doch nicht nur mit zunehmendem Alter würde ich die Heimatorte meiner Großeltern gerne einmal besuchen.
Und beim späteren Kaffee und Kuchen waren es auch sehr oft Geschichten aus der alten Heimat und dem dortigen Bauernhof die ausgetauscht wurden. Aber auch die Vertreibung im Alter von 14/15 Jahren. Mein Opa schrieb jede Woche Artikel für den Heimatboten – das verbindende SocialMedia damals wie heute.
Das Rezept meiner Großmutter kam aus Mähren, meine Großeltern mussten ihre Heimat verlassen, aber das Rezept kam mit, vielleicht zunächst nicht einmal aufgeschrieben, sondern bewahrt im Gedächtnis
Meine Damen und Herren,
damit sind wir bereits mitten im Leitwort des Tages der Heimat 2026, das lautet:
„Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa.“
Wenn wir das Wort Kulturgut hören, denken wir zunächst an die großen und sichtbaren Zeugnisse unserer Geschichte, an Kirchen und Schlösser, an Gemälde und Bücher, an Denkmäler, Archive und Museen, und selbstverständlich gehören sie dazu; doch das Leitwort dieses Jahres erinnert uns daran, dass kulturelles Erbe sehr viel weiter reicht, weil es auch Sprache, Musik, Handwerk und Erinnerungen umfasst, also all das, was Menschen über Generationen geschaffen, bewahrt und weitergegeben haben.
Und Kulturgut ist eben auch ein Rezept.
Kultur lebt nämlich nicht allein dort, wo sie inventarisiert, katalogisiert und unter Schutz gestellt wird, sondern vor allem dort, wo Menschen sie leben, erzählen, sprechen, singen, kochen, backen und mit anderen teilen.
Der brasilianische Theologe Leonardo Boff hat sich intensiv mit der sakramentalen Dimension unseres Alltags beschäftigt, mit jener Erfahrung also, dass ein gewöhnlicher Gegenstand über sich selbst hinausweisen kann, weil in etwas Sichtbarem eine tiefere, unsichtbare Wirklichkeit gegenwärtig wird.
Und deshalb möchte ich mir heute eine kleine theologische Freiheit erlauben und sagen:
Der Mohnkuchen meiner Großmutter war für mich ein kleines Sakrament der Heimat.
Natürlich nicht im kirchenrechtlichen oder dogmatischen Sinne, sondern in jenem menschlichen Sinn, den Boffs Denken nahelegt, denn wir sehen einen Kuchen und begegnen darin einer Geschichte, wir schmecken Mohn und erinnern uns an einen Menschen, wir halten etwas Gegenwärtiges in der Hand und erleben, wie Vergangenheit für einen Augenblick wieder Gegenwart wird.
Heimat ist mehr als ein Gefühl – und was Heimat ausmachte, musste für meine Großeltern als Jugendliche in einer neuen Heimat neu verhandelt werden. Die Konflikte zwischen Heimatvertriebenen und einheimischer Bevölkerung waren teilweise enorm. Aber aus heutiger Sicht eine sehr geglückte beiderseitige Annäherung. Keine Aufgabe der eigenen Identität. Erinnerung und Wertschätzung auch generationenübergreifend.
Ähnliche Prozesse gibt es auch heute, ob Menschen als Geflüchtete oder Fachkräfte ins Land kommen. Gute Integration und der Aufbau einer neuen Heimat gelingen nur mit Offenheit und Akzeptanz. Muhterem Aras betonte als Landtagspräsidentin, dass es dabei entscheidend ist, dass jemand seine Herkunft nicht verleugnen muss. Dies sei ganz entscheidend dafür, dass man sich auf etwas neues einlässt.
Heimat ist mehr als ein Ort in dem wir leben – Sie entsteht durch Menschen, Erinnerungen und Landschaften, die uns vertraut sind. Der Soziologe Harald Welzer beschreibt Heimat daher treffend als Beziehungen zwischen Menschen, zu ihrer Umgebung und zu ihrem Leben mit einer enormen Kraft.
Stellen wir uns für einen Moment vor, wir könnten die Perspektive wechseln und unseren Kontinent verlassen, immer weiter nach oben steigen, bis wir dorthin gelangen, wo Astronautinnen und Astronauten aus einigen hundert Kilometern Entfernung auf unsere Erde zurückblicken.
Viele von ihnen berichten anschließend von einer tiefgreifenden Veränderung ihrer Wahrnehmung, die als Overview Effect bezeichnet wird: Wer die Erde aus dem Weltraum sieht, erlebt sie nicht mehr als selbstverständlichen und scheinbar grenzenlosen Hintergrund menschlichen Lebens, sondern als einen kleinen, leuchtenden und verletzlichen Planeten inmitten einer ungeheuren Dunkelheit.
Dort oben sieht man Ozeane und Kontinente, Wolkenfelder und Gebirge, leider auch die Kriege und Umweltkatastrophen und man erkennt die erstaunlich dünne Schicht unserer Atmosphäre, von der alles Leben abhängt; was man dagegen nicht sieht, sind die politischen Grenzen, die unseren Alltag und unsere Geschichte so stark bestimmen.
Man sieht keine Grenze zwischen Deutschland und Tschechien, keine zwischen Deutschland und Polen, keine zwischen Frankreich und Deutschland, keine Schlagbäume, keine Grenzpfähle und keine unterschiedlichen Farben auf einer politischen Landkarte. Man sieht nur diese eine Erde.
Und vielleicht ist das der größtmögliche Perspektivwechsel, den wir für unseren Heimatbegriff vornehmen können:
Wir Menschen haben viele Heimaten, aber wir haben nur einen Heimatplaneten.
An diesem Punkt begegnen wir wieder Leonardo Boff, für dessen theologisches und ökologisches Denken die Vorstellung von der Erde als unserem gemeinsamen Haus eine zentrale Rolle spielt.
Dieses Bild gefällt mir deshalb so gut, weil ein gemeinsames Haus unsere Haltung verändert: Wenn etwas nur mein Eigentum ist, kann ich fragen, was ich damit machen und was ich daraus gewinnen kann; wenn es aber unser gemeinsames Haus ist, muss ich fragen, wie wir damit umgehen müssen, damit nicht nur ich, sondern auch die anderen darin leben können – und ebenso diejenigen, die erst nach uns kommen werden.
Und damit bekommt das Leitwort „Bekenntnis und Verantwortung“, noch einmal eine größere Dimension.
Bekenntnis bedeutet, dass ich weiß, woher ich komme, dass ich meine Geschichte kenne, die Erinnerung meiner Familie bewahre, ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Erfahrungen ernst nehme und sie an die nächste Generation weitergebe.
Verantwortung bedeutet jedoch, dass ich dabei nicht stehen bleibe, sondern frage, was aus dieser Erinnerung für mein heutiges Handeln folgt – für meinen Nachbarn, für Menschen anderer Herkunft, für unser Land, für Europa, für diejenigen, die heute ihre Heimat durch Krieg und Gewalt verlieren, und schließlich für unseren gemeinsamen Heimatplaneten.
Wenn wir die Erde Heimat nennen, dann bekommt auch der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen eine neue, sehr konkrete Bedeutung, denn dann geht es beim Schutz des Klimas, der Landschaften, Wälder, Böden, Flüsse und Meere nicht um irgendein abstraktes politisches Projekt, sondern um die Bewahrung der Voraussetzungen dafür, dass Menschen auch in Zukunft Heimat erfahren können.
Wer möchte, dass seine Enkel noch den Wald erleben, den er selbst als Kind kannte, spricht über Heimat; wer einen Fluss davor schützt, zu einem toten Gewässer zu werden, schützt Heimat; wer Böden bewahrt, auf denen auch in Zukunft Lebensmittel wachsen können, übernimmt Verantwortung für Heimat.
Und spätestens an dieser Stelle begegnen sich der Mohnkuchen meiner Großmutter und der Blick des Astronauten auf die Erde auf eine überraschende Weise, denn der eine erzählt uns von der kleinsten, persönlichsten Heimat, während der andere uns die größtmögliche Heimat zeigt – und beide erinnern uns daran, dass Heimat nicht selbstverständlich ist.
Heimat ist verletzlich.
Gerade weil Heimat ein so starkes und tiefes Gefühl ist, müssen wir allerdings darauf achten, dass aus diesem Gefühl kein Instrument der Ausgrenzung wird, denn Heimat kann Menschen verbinden, aber der Begriff Heimat kann auch missbraucht werden, um anderen zu sagen: Das hier ist unsere Heimat – und du gehörst nicht dazu.
Die Geschichte der Heimatvertriebenen lehrt uns eigentlich das Gegenteil, denn Millionen Menschen, die nach dem Krieg ihre alte Heimat verloren hatten, waren darauf angewiesen, an einem anderen Ort neu heimisch werden zu dürfen.
Sie kamen in Städte und Dörfer, in denen sie zunächst Fremde waren, sie wurden keineswegs überall mit offenen Armen empfangen, und dennoch wurden sie mit der Zeit Teil dieser Gesellschaft, bauten Häuser und Betriebe auf, engagierten sich in Gemeinden und Vereinen, gründeten Familien und brachten ihre Kultur mit.
Und irgendwann war das Mitgebrachte nicht mehr ausschließlich „ihre“ Kultur, sondern Teil einer gemeinsamen Kultur geworden.
Genau diese verbindende Kraft kulturellen Erbes ist ausschlaggebend. Was Menschen bewahren und weitergeben, entfaltet seine Kraft gerade dort, wo es geteilt wird, weil im Austausch Begegnung und Verständnis entstehen.
Heimat wird nicht kleiner, wenn ein anderer Mensch ebenfalls Heimat findet.
Vielleicht ist Heimat eben kein Grundstück, dessen Fläche begrenzt ist, sondern ein Beziehungsraum, der größer werden kann, wenn Menschen einander aufnehmen.
Und wenn ich noch einmal zum Mohnkuchen zurückkehren darf: Auch ein Kuchen erfüllt seinen eigentlichen Zweck nicht dadurch, dass einer allein davorsitzt und darauf achtet, dass niemand ein Stück davon bekommt.
Er ist zum Teilen da.
Meine Großmutter hat wahrscheinlich nie darüber nachgedacht, dass sie „immaterielles Kulturerbe“ bewahrt, wenn sie ihren Mohnkuchen in den Ofen geschoben hat, und vermutlich hätte sie über eine solche Formulierung auch ein wenig geschmunzelt.
Sie hat einfach gebacken.
Meine Damen und Herren,
am Anfang dieser Rede standen sieben ganz einfache Zutaten: Mehl, Butter, Eier, Milch, Hefe, Zucker und Mohn.
Am Ende möchte ich deshalb eine zweite Zutatenliste versuchen, diesmal nicht für einen Kuchen, sondern für eine Heimat, die Zukunft haben soll.
Sie braucht Erinnerung, damit wir wissen, woher wir kommen; sie braucht Wahrhaftigkeit, damit wir unsere Geschichte weder verdrängen noch verklären; sie braucht Versöhnung, damit wir Erinnerung weitergeben, ohne Feindschaft weiterzugeben; sie braucht Freiheit, damit Menschen verschieden sein und dennoch zusammengehören können; sie braucht Frieden, damit niemand seine Heimat durch Gewalt verlieren muss; sie braucht Verantwortung, damit wir bewahren, was uns anvertraut wurde; und sie braucht schließlich Liebe, nicht jene laute Liebe, die ständig beweisen muss, dass die eigene Heimat besser sei als die Heimat der anderen.
Vielleicht ist dieser einfache mährische Mohnkuchen deshalb tatsächlich ein kleines Sakrament der Heimat, weil in ihm etwas sichtbar wird, das weit größer ist als er selbst: eine verlorene Heimat und eine neu gefundene, eine Familiengeschichte und ein Stück europäischer Geschichte, die Erinnerung an Menschen, die nicht mehr unter uns sind, und schließlich sogar jene Erkenntnis, die Astronautinnen und Astronauten beim Blick auf die Erde so eindringlich erfahren:
Alle unsere kleinen Heimaten liegen auf einer einzigen großen Heimat.
Auf diesem wunderbaren, verletzlichen blauen Planeten.
Unserer Erde.
Bewahren wir deshalb, was uns geprägt hat, teilen wir, was uns verbindet, erinnern wir, ohne uns in der Vergangenheit einzuschließen, versöhnen wir uns, ohne zu vergessen, und übernehmen wir Verantwortung für unsere Familien und unsere Nachbarschaften, für unsere Heimat und unser Land, für Europa und für unseren gemeinsamen Heimatplaneten.
Damit auch unsere Kinder und Enkel eines Tages sagen können:
Ich weiß, woher ich komme, ich weiß, wohin ich gehöre – und ich weiß, wofür ich Verantwortung trage.
Und wenn dann irgendwo in einer Küche wieder der Duft eines mährischen Mohnkuchens durch den Raum zieht, wenn jemand das alte Rezept hervorholt, die Zutaten abwiegt und einem Kind erzählt, von wem dieses Rezept stammt und welchen Weg es genommen hat, dann lebt etwas weiter, das viel größer ist als ein Kuchen.
Dann lebt eine Geschichte weiter.
Dann lebt Erinnerung weiter.
Dann lebt Heimat weiter.
Ich danke Ihnen.

