„Das gesamte System neu denken“

28. Juli 2022

Fruchtbarer Gedankenaustausch in Brüssel: Grünen-Ernährungsexperte Ralf Nentwich MdL über Versorgungssicherheit und zukunftsfähige Landwirtschaft

Klimawandel, Ernteausfälle, stockende Getreidelieferungen aus der Ukraine. Die agrar- und ernährungspolitischen Herausforderungen unserer Zeit sind enorm. Wie können wir globale Krisenszenarien abwenden und den drängendsten Problemen möglichst effektiv begegnen? Der Arbeitskreis Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat hierzu den Gedankenaustausch auf EU-Ebene gesucht – und kehrt nicht ohne Optimismus aus Brüssel zurück.

Folgen lange bestehender Abhängigkeiten

Die intensiven Gespräche mit hochrangigen Vertretern verschiedener Zuständigkeitsbereiche seien „sehr fruchtbar“ verlaufen, berichtet der grüne Ernährungsexperte Ralf Nentwich MdL vom Besuch in der belgischen Hauptstadt. „Wir konnten zahlreiche Punkte, die bei uns in Baden-Württemberg auf der Agenda stehen, breit diskutieren, Zusammenhänge herausarbeiten und neue Impulse geben. Ein großes Thema war natürlich der Zugang zu Nahrungsmitteln. Hier gibt es viele Baustellen: Durch den Klimawandel und den Krieg in der Ukraine ist etwa die Versorgung mit Weizen zu einem globalen Problem geworden. Was wir heute sehen, sind vor allem die Folgen lange bestehender Abhängigkeiten.“

Fleischproduktion als Flächenfresser

Beim Weizen sei Deutschland zwar ein sogenannter „Netto-Exporteur“, erklärt Nentwich, bei den Proteinen hingegen sehe das Ganze schon anders aus: „Vor allem im Bereich der Tiernahrung importiert Deutschland mehr, als es ausführt. Die extensive Tierhaltung verschlingt gewaltige Flächen für die Futtermittelproduktion. Anstatt also die Reaktivierung landwirtschaftlicher Brachen zu fordern, muss man über eine strategische Reduktion der Fleischerzeugung reden. Wenn wir die Tierbestände schrittweise in ein gesundes Verhältnis zum Futterverbrauch zurückführen, bietet dies riesige Potenziale für den Ackerbau.“ Erreichen lasse sich dies durch mehr Grünlandwirtschaft, bei der die Tiere „statt zugekauftem Futter Gras auf der Weide fressen“.

Nein zu genveränderten Pflanzen

Um das weltweite Ernährungsproblem in den Griff zu bekommen, gebe es die unterschiedlichsten Konzepte, so Nentwich, doch nicht alle seien mit der grünen Politik in Baden-Württemberg vereinbar. „Da künftige Trockenperioden zu erwarten sind, will die EU vermehrt auf die Züchtung gentechnisch veränderter Sorten setzen, die einen geringeren Wasserbedarf haben. Als gentechnikfreies Bundesland lehnen wir dies grundsätzlich ab.“

Innovative Technik bietet neue Chancen

Stattdessen sollten innovative Technologien wie das „Vertical Farming“ – der mehrstöckige, kontrollierte Anbau in Gebäuden – stärker in den Fokus gerückt werden, findet Nentwich, der diesen Gedanken auch nach Brüssel getragen hat. „So könnten zusätzliche Flächen geschaffen werden, auf denen sich mit einem Minimum an Wasser und ohne schädliche Pestizide hochwertige Lebensmittel erzeugen lassen. Das ist natürlich nur ein Puzzleteil, ein Ansatzpunkt, aber letztlich müssen wir das gesamte System neu denken. Eine neue Ernährungspolitik muss dabei nicht zwingend nur Verzicht bedeuten, sondern kann durchaus spannend sein und ganz neue Chancen bieten.“

Eigenes Konsumverhalten entscheidet mit

Ohnedies könnten alle Bürgerinnen und Bürger einen wichtigen Beitrag zur globalen Versorgungssicherheit leisten, betont Nentwich. „Irgendwo, irgendwann müssen wir damit beginnen, die Probleme anzupacken, und auch vor der eigenen Haustüre aktiv werden. Wir müssen unser Konsum- und Alltagsverhalten an der Zukunft orientieren, die wir uns für uns und unsere Kinder wünschen.“ So stärke der Kauf hiesiger, saisonaler Produkte die regionalen Wertschöpfungsketten und mindere internationale Abhängigkeiten. Um den landwirtschaftlichen Flächenverbrauch einzudämmen, gelte es ferner, die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden, bewusster Fleisch zu konsumieren – und sogar den persönlichen Fahrstil auf den Prüfstand zu stellen. Denn: „Wichtigster Rohstoff für das Bioethanol in modernen Kraftstoffen ist Getreide. Das Tempolimit mag ein Reizthema sein, doch führt eine gemäßigte Fahrweise nachweislich zu einem geringeren Spritverbrauch. Wer weiterhin rast, schadet der Umwelt damit doppelt!“

 

FG22 – PM EU Ernährung

Henning Dedekind